Garten
Warum ein Garten nicht gross genug sein kan

Warum ein Garten nicht gross genug sein kann

Für jeden Hausbauer ist es eine quintessenzielle Frage: Wie gross soll das Grundstück sein? Nicht nur auf die Gesamtfläche bezogen, sondern auch im Verhältnis zur Hausgrösse gesehen. Vor allem in Anbetracht steigender Grundstückspreise und ebenso grösser werdender Katalog- und Fertighäuser tendieren immer häufiger dazu, im Zweifelsfall „mehr Haus“ den Vorzug zu geben – und ärgern sich mit den Jahren immer mehr über das zwergenhafte Stückchen Land, das ihnen als Garten verblieben ist. 200m² beträgt die Durchschnitts-Gartengrösse in der Schweiz, oft auch noch vor und hinter dem Haus aufgeteilt. Der folgende Kommentar plädiert deshalb für XXL-Gärten – und präsentiert einige gute Gründe dafür.

21 April 2017

Gärten sind vielfältige Freizeitparadiese

Glaubt man dem Bundesamt für Statistik, so gehört jeder Zweite unserer acht Millionen Einwohner zum Club mit dem grünen Daumen. Über 50% aller Schweizer konstatierten, dass sie sich in ihrer Freizeit im Garten betätigten. Und damit sind sogar nur die Personen erfasst, die „echte“ Gartenarbeit meinen.

Schon alleine das ist Grund genug für einen grossen Garten jenseits der 300 Quadratmeter. Denn wo mehr Platz ist, da sind auch schlicht viel mehr Freizeitaktivitäten möglich. Natürlich lässt sich eine Mini-Oase auch in einem Mini-Garten errichten, aber wer will schon in den Blumenbeeten knien, während er mit den Füssen beinahe die Hintertür erreicht?

Sitzplatz mit Steingarten und Teich

Nur Fläche ermöglicht Vielfalt

Man stelle sich folgendes Szenario vor, das so überall zwischen Tessin und Aargau vorkommt: Der Vater möchte ungestört seinen Samstagnachmittag im Schatten zweier Buchen in seiner Hängematte verbringen und sich auf ein Buch konzentrieren, denn er will das Lesen zum Stressabbau nutzen. Die Mutter ist aktiver, sie möchte erst kompostierten Boden sieben und damit hernach Blumen eintopfen. Die beiden Söhne wollen auch zu ihrem Recht kommen und auf dem Rasen für ihre Fussballer-Karriere trainieren.

Nur ein grosser Garten kann sicherstellen, dass sich mehrere Personen mit unterschiedlichen Freizeitaktivitäten entfalten können, ohne sich dabei ins Gehege zu kommen. Und das muss beileibe keine Grossfamilie sein, sondern ein normaler, vierköpfiger Haushalt.

Frau in Hängematte

Mehr Garten gleich mehr Biotop

Die Schweiz ist ein Paradies für Flora und Fauna. In freier Wildbahn finden sich hier ganze 83 Säugetierarten, und (geschätzt) unglaubliche 75‘000 Arten von Vögeln, Insekten, Fischen sowie Pflanzen. Bloss ist es eine Tatsache, dass rund 75 Prozent davon sich nur in Wäldern heimisch fühlen. Warum? Nur hier haben sie genug Schutz und Ruhe.

Doch die Krux dahinter ist, dass unser Land, aller Bemühungen zum Trotz, immer mehr zugebaut wird. Ein grosser Garten mit vielfältiger Vegetation kann dies zwar nicht aufhalten, aber zumindest ein wenig kompensieren und setzt sich so an die Spitze der Umweltschutzmassnahmen, die jeder treffen kann – und dies nicht nur, weil Pflanzen auch eine Menge CO2 binden, sondern er dem Wildnis-Erhalt dient. Dabei kann man gar nicht genug betonen, wie effektiv ein grosser Garten ist. Nur so viel sei gesagt: Ein 500 oder mehr Quadratmeter grosser Garten ist wichtiger für den Artenschutz als sämtliche Müllvermeidungs-, Energie- und Wasserschutzmassnahmen eines Haushaltes zusammen.

Vor allem kommt mit der Fläche einmal mehr die Möglichkeit, gezielt die Tier- und Pflanzenwelt zu unterstützen. Etwa, indem man einen grossen Teich anlegt, der nicht nur für sich selbst schon einen vielfältigen Lebensraum darstellt, sondern auch noch unzähligen Tierarten von den etwa 422 hier heimischen Vogelarten bis zu Biene und Libelle als Tränke und Biotop dient. Wird das noch durch eine sorgsame Komposition aus bedrohten Pflanzenarten unterstützt, wird der Garten zu sehr viel mehr als einem blossen Hort der Freizeit, er wird zu einem Naturschutzreservat. Dabei muss man nicht einmal ein sonderlicher Experte sein, denn genau für Menschen, die sich solche Massnahmen auf die Fahne geschrieben haben, gibt es offizielle Handlungsbroschüren als Handreichung.

Igel auf Baumstamm

Entspannung wie sie grösser nicht sein könnte

Wer diesen Artikel liest, gehört mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit zum grossen Teil der Menschen, die des Schweizers liebstes Hobby – noch vor der Gartenarbeit – ausüben, dem Wandern. Doch warum gehen denn so viele Menschen in der Natur wandern, wo man rein theoretisch den gleichen Trainingserfolg bei einem Marsch quer durch Zürich erleben könnte? Sie tun es, da in der Natur viel mehr Entspannung möglich ist. Weil hier nicht nur alle Alltagsgeräusche weit entfernt sind (die an sich schon ein grosser Stressfaktor sind), sondern man generell die Zivilisation hinter sich lässt und entschleunigten Stunden frönen kann.

Nun ist selbst ein grosser Garten zwar in den seltensten Fällen ausreichend, um darin zu wandern. Zum Vergleich: In einem kleinen Garten hat man zwar ein wenig Natur um sich herum. Aber den Verkehr wird man ebenso hören können, wie sämtliche anderen Ablenkungen der Zivilisation immer omnipräsent sein werden.

Hat man jedoch einen grossen Garten, bei dem man sich 50 oder gar 100 Meter weit vom Haus entfernen kann und der auch noch geschickt bepflanzt ist, wähnt man sich automatisch inmitten der Natur. Natürlich könnte man mit wenigen Schritten wieder zurück in die Zivilisation finden. Aber das ist ja gerade das Geniale am XXL-Garten: Er ermöglicht es, sich in ihm zu erholen, aber ohne weitere Nachteile wie etwa eine Anreise.

Sitzbank aus Stein

Arbeit optional

So mancher Hausbesitzer mit 50m² Wiese hinter dem Haus sieht alljährlich der Frühlingszeit mit Sorge entgegen, denn mit ihr kommt auch unweigerlich der Zwang, seine Freizeit wieder mit Vertikutierer, Rasenmäher und Heckenschere zu schmälern – daran ändern auch die Segnungen von Mährobotern nicht viel. Und nicht wenige Leser werden dies zum Anlass nehmen, einen grossen Garten eher abzulehnen. Denn sie machen wahrscheinlich die (falsche) Rechnung, dass damit auch mehr Arbeit einherginge.

Dabei kann man natürlich, muss aber nicht jeden Quadratmeter mit pflegerischer Hand kontrollieren. Und im Sinne eines arterhaltenden Biotop-Gedankens wäre es sogar eher schädlich, sich allzu sehr mit den Mitbringseln des Gartenmarktes auszutoben – in der freien Natur greift ja auch niemand regulierend ein.

Um dies am Beispiel eines 500m² grossen Gartens zu demonstrieren:

  • 100m² für Wiese und Sträucher, die definitiv gepflegt werden
  • 50m² für ein gut 7x7m grosses Beet, in dem Gemüse gezüchtet wird
  • 50m² für einen Teich mit entsprechender Rundum-Biotop-Bepflanzung und einer Sitzgelegenheit
  • 300m² für ein weitgehend sich selbst überlassenes Natur-Areal mit Bäumen, Wildwiesen und Sträuchern

Bleiben also in Summe 150 Quadratmeter, in denen man wirklich regelmässig Hand anlegen muss, die Wiese und das Beet. Der Rest ist Natur pur, in der man praktisch keine Pflegearbeit hat, sieht man vom turnusmässigen Reinigen des Teiches ab, das sich obendrein durch korrektes Anlegen völlig vermeiden lässt.

Gewächshaus

In fünf Minuten auf dem Teller – Bio pur

Landauf landab wächst die Zahl derer, die beim Einkauf darauf achten, dass ihre Produkte biologisch unbedenklich sind. Doch abgesehen davon, dass Bio eben nicht gleich Bio ist, haben solche Käufe auch den einfachen Nachteil, dass sie viel stärker zu Buche schlagen.

Praktisch jeder Hausbesitzer macht deshalb heutzutage ein wenig auf Kleingärtner und seien es bloss einige Tomatenpflanzen auf dem Balkon. Doch aus solchen kleinen Gärten kann eben nur eine Unterstützung des Speiseplans erwachsen – je weniger Platz vorhanden ist, desto mehr muss zugekauft werden.

Hier kommt einmal mehr der Grossgarten ins Spiel. Im vorherigen Kapitel war von 50m² zu lesen, die ein etwa 7×7 Meter grosses Beet ergeben. Für Fussballfans: Ein Tor ist etwa sieben Meter breit. Und nun darf man sich ausmalen, wie viel mehr Salate, Tomaten und Co man darin anpflanzen kann, um sich wirklich kontrolliert biologisch zu ernähren. Die Arbeit selbst ist überschaubar, und lässt sich durch die richtige Vorarbeit und Pflanzenauswahl weiter in Grenzen halten:

  • Anlegen des Beets durch Umgraben (entweder händisch mit dem Spaten oder per Mietmaschine)
  • Belüften des Bodens (einmal jährlich)
  • Regelmässiges Tränken der Pflanzen (selbst in heissen Wochen nur alle zwei Tage)
  • Unkraut jäten nach Bedarf

Auch wenn ein 50m²-Beet viel Gemüse beinhaltet, ist es in der Praxis nicht viel Arbeit. Das Tränken etwa benötigt keine zehn Minuten. Und sofern man kein Ordnungsfanatiker ist, der jedem Unkraut zu Leibe rückt, stört es auch nicht, wenn man nur einmal monatlich zupft und rupft.

Doch es ist noch nicht einmal die vergleichsweise geringe Arbeit, sondern der schiere Kostenfaktor: Ein Beutel Salatsamen etwa kostet keine fünf Franken und enthält genug Material, um sich das ganze Sommerhalbjahr über den Bauch zu füllen. Wer sich tiefer in die Materie einarbeitet und eine Fruchtfolge einhält, kann sogar das ganze Jahr über ernten. Kombiniert man das noch durch Auffangen des Regenwassers für die Giesskanne, kann man für geringste Summen die ganze Familie mit bestem Biogemüse satt bekommen. Und kein noch so teures Supermarkt-Gemüse schmeckt so gut wie etwas, das fünf Minuten vor dem Beginn der Mahlzeit noch im Beet sass.

Gemüsegarten

Fazit

Ein Garten kann gar nicht gross genug sein. Denn mit mehr Grösse kommt nicht nur automatisch ein unschätzbarer Artenschutzfaktor, sondern auch Möglichkeiten für Ruhe, Entspannung, Freizeit und Genuss, die sich mit einem kleinen Garten nur andeutungsweise realisieren lassen. Beim Garten stimmt die alte Regel, dass weniger oft mehr ist, schlicht nicht. Hier sollte es lauten „viel hilft viel“.

Bildquellen: 1) fotolia.com © farbkombinat 2) fotolia.com © krappweis 3) fotolia.com © Andrey Popov 4) fotolia.com © olyasolodenko 5) fotolia.com © Guiseppe Blasioli 6) fotolia.com © Sinuswelle 7) fotolia.com © Sinuswelle

TEILEN:

Kommentar verfassen